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(Berner Zeitung, 9. 10. 2002)

Auch Mann ist ja nur ein Mensch


Dem Mann gehts mies. Und er ist verunsichert. Männergruppen, Männerberater und nun auch ein Männerkongress bieten ihm Hilfe. Ob er sie annimmt, ist fraglich. Denn Mann löst seine Probleme selber.

Giuseppe Wüest /Kurt Beck

Früher war alles einfacher. Und früher ist gar nicht so lange her. Sei ein Mann! Wer das vor 30 Jahren hörte, wusste genau, was er zu tun hatte. Auf die Zähne beissen, durchhalten, Leistung erbringen, zupacken, ein Held, eben ein Mann sein. Auch wenns zum Heulen war, ein Mann weinte nicht. Und wies drinnen aussah, ging keinen was an.

Sei ein Mann! Heute ist nicht mehr unbedingt klar, was mit dieser Aufforderung gemeint ist. Vielmehr kann sie bei Männern existenzielle Zweifel wecken, sie darüber ins Grübeln bringen, was denn ein Mann überhaupt ist. Eine ganz unmännliche Verunsicherung macht sich breit.
In Jahrtausenden hat die Gesellschaft jene Art von Männern (und Frauen) entwickelt, die sie benötigte, um zu funktionieren. Es waren Werte da, an denen sich Männer (und Frauen) orientieren konnten und mussten, wenn
sie in der Gesellschaft akzeptiert sein wollten. Die Rollen waren klar verteilt: Der Mann hatte in Beruf, Krieg, Gesellschaft und Politik seinen Mann zu stehen, die Frau sorgte mit der Haushaltführung und der Kindererziehung für den Rückhalt.

Diese strikte Aufgabenteilung wurde in den letzten Jahrzehnten aufgeweicht, und damit wurde auch die Rolle und das Selbstverständnis des Mannes in Frage gestellt. Erst waren es Frauen, die sich mit der gesellschaftlichen Benachteiligung nicht länger abfinden mochten. Doch es sind nicht allein
die Ansprüche von Feministinnen, die die traditionelle Männerrolle zum Auslaufmodell machten. Auch die Wirtschaft, vorab die Entwicklung von
der Produktions- zur Dienstleistungsgesellschaft, machte gewisse Männertugenden obsolet. Mit Kraft und Fleiss allein kann kein modernes Unternehmen bestehen. Flexibilität, Mitdenken, Teamfähigkeit, Kommunikationskompetenz und die Fähigkeit, Konflikte ohne Gewalt zu bewältigen, sind gefragt. Fähigkeiten, die eher Frauen zugeordnet wurden.

Gesundheitsrisiko

Neuerdings trifft Kritik Männer auch von gesundheitspolitischer Seite. Mannsein sei ein Gesundheitsrisiko, und traditionelles Rollenverhalten wird als Killer entlarvt. Gestützt wird dieses Urteil durch traurige statistische Fakten. Bis zum Alter von 65 Jahren sterben Männer in der Schweiz im Vergleich zu Frauen:
5-mal häufiger an Herzinfarkt,
3-mal häufiger an Verkehrsunfällen,
3-mal häufiger an Selbstmord,
3-mal häufiger an Aids,
3-mal häufiger an Lungenkrebs,
2-mal häufiger an Leberzirrhose.

Zudem kommt der Zürcher Psychiatrieprofessor Jules Angst in einer Studie zum Schluss: «Persönlichkeitsstörungen und soziale Störungen, die sich häufig in Gewalt äussern, sind ein Männerproblem.» Dabei halten sich ja Männer tendenziell für gesund, solange sie nicht krankgeschrieben sind, und sie halten sich zurück bei Krebsvorsorgeuntersuchungen: Nur 16 Prozent (Frauen: 39 Prozent) unterziehen sich ihnen regelmässig. Alfred Arm, Projektleiter der "Aktion Männergsund», die Anfang November eine Tagung zum Thema Mann durchführt (Kasten), erklärt sich dieses Risikoverhalten so: «Der Mann ist überangepasst, er will im Beruf zu stark seinen Mann stehen, allen Erwartungen genügen, die Karriereleiter hinaufklettern. Vollzeitjob und Überstunden sind kein Thema - sie werden geleistet.»


Wandlungsfähigkeit


Der Druck auf Männer, sich zu verändern, nimmt also zu. Und diese nehmen ihn durchaus wahr und ernst. Eine Studie aus Deutschland von 1999 belegt, dass Männlichkeit sich wandelt:
19 Prozent der Männer haben als so genannt «neue Männer» ihre Rolle bereits gefunden,
37 Prozent sind «unsichere Männer», die sich zwar vom traditionellen Mann verabschiedet haben, doch noch auf der Suche nach dem «neuen» sind,
25 Prozent sind «pragmatische Männer», die auf die veränderten Anforderungen reagieren, aber sie nicht innerlich wirklich nachvollziehen,
9 Prozent sind «traditionelle Männer», die teils einfach im alten Verhalten verharren, teils in alten Werten Zuflucht suchen.
Wenn sich auch bereits ein erheblicher Teil von den alten Männeridealen verabschiedet hat, muss die Arbeit für einen konkreten Entwurf von neuer Männlichkeit erst noch gefunden und umgesetzt werden. Verbindliche Vorgaben und Vorbilder gibt es nicht. Was und wie der neue Mann ist, wie ein anderes, taugliches Männerbild gefunden und entwickelt werden kann, müssen Männer selbst lernen.


Beratungsangebot


Unterstützung bei der Selbstfindung bieten Männergruppen und Männerberater bereits seit Jahren an. Doch ihr Zulauf hält sich noch in Grenzen. Der Langnauer Berater Christof Bieri weiss auch warum: «Im Gegensatz zu Frauen, die flexibler sind und sich schneller Rat von aussen holen, haben Männer tendenziell das Gefühl, alle Dinge selber regeln, alle Probleme selber lösen zu können.» Zudem hätten sehr viele Männer
wenig Erfahrung, über ihre innersten Gefühle zu reden und sich mit sich selbst auseinander zu setzen. «Ich erlebe oft sprachlose Männer», meint auch der Luzerner Psychologe Othmar Loser-Kalbermatten, der seit vier Jahren mit Männergruppen arbeitet. «Wenn Männer nicht über den Job
oder Fussball reden können, verstummen sie erst einmal. Ihnen fehlt ein Instrument, um kompetent ihre Emotionen und Befindlichkeit auszudrücken.»
In Männergruppen oder in Gesprächen, wie sie etwa Christof Bieri anbietet, können Männer lernen, sich und ihre Bedürfnisse besser wahrzunehmen und auf ihren Körper zu hören. Sie lernen aber auch, Freude und Stolz über ihre Männlichkeit zu gewinnen sowie auch ihren Platz in der Gesellschaft oder in einer Partnerschaft zu beanspruchen. Bieri: «Wir Männer sind stark, aber wir müssen es nicht durch und durch sein. Es fallen uns keine Zacken aus der Krone, wenn wir uns mal helfen lassen. Denn auch wir sind ja nur Menschen.»
Diese Botschaft bringt Christof Bieri, ausgebildeter Biologe/Ökologe, der sich zum Lebensberater weitergebildet hat, auf unkonventionelle Art an den Mann:


Gespräche mit Rat Suchenden führt er mit Vorliebe in der Natur. Beim Wandern im Emmental etwa. Oder auch auf einer Alp hoch über dem Dorf Curaglia GR, wo er dieses Jahr mit seiner Frau und den beiden Kindern
(3 und 6) den ganzen Sommer über gelebt hat. «Ich habe die Erfahrung gemacht», erklärt Bieri, «dass es den meisten Menschen leichter fällt, aus ihrem Innersten heraus zu erzählen, wenn sie sich draussen aufhalten und sich bewegen. Bei zentralen Fragen wie nach ihren wahren Bedürfnissen oder Wünschen wagen sie leichter eine freie Antwort zu formulieren.»


Geduldsfrage

Dass sich während der knapp vier Monate, die der Langnauer zusammen mit seiner Familie im Bündnerland verbrachte, fast ausschliesslich Frauen für ein «Time-out» auf der Alp interessierten, hält Bieri nicht davon ab, von einem «gelungenen Projekt» zu reden. Ebenso wenig, dass am Ende «nur» zwei Frauen für je eine Woche tatsächlich auf die Alp kamen, um sich neu zu orientieren und Klärung zu finden: «Ich verstehe mich nicht <nur> als Männer-, sondern als Menschenberater. Viel mehr wäre auch gar nicht dringelegen, denn unsere Haupttätigkeit war das Hüten von 120 <Guschti>. Zudem wars auch mit <nur> zwei Besucherinnen für mich und meine Familie eine bereichernde Erfahrung.» Und schliesslich sei er sich bewusst, dass alles seine Zeit brauche: «Ich habe Geduld mit uns Männern.»

Workshop und Tagung

19. Oktober (Männer) und am 26. Oktober (Männer und Frauen) führt der Berater Christof Bieri in der Nähe von Langnau unter dem Titel «Eigentlich steckt viel mehr in mir» einen Workshop in der Natur durch. Themen sind unter anderem: Was sind meine Talente? Welches sind meine Visionen, wie kann ich sie realisieren?
Info/Anmeldung (möglichst rasch): Tel. 034 402 52 63.

Am Am 2./3. November findet in Winterthur eine Kultur- und Fachtagung für Männer statt, die zu sinnvollerem Umgang mit Körper, Seele und Gesundheit anregen will. Zum Programm gehören Workshops, Vorträge und Diskussionen. Die Tagung ist Teil der «Aktion Männergsund» und wird unterstützt von: Gesundheitsförderung Schweiz, Bundesamt für Gesundheit, Pro Helvetia, Migros, Kirchen und Kantonen. Info/Anmeldung (möglichst rasch): Tel. 052 222 79 62, info@maennertagung.ch



 
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